Nachwuchspreis für Studierende der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) München: Der Open Eyes Claus Richter Förderpreis wurde am gestrigen 13. Juli bereits zum vierten Mal vergeben und ging an die Studierenden Raaed Al Kour und Miriam Goeze / Über die Vergabe entschied eine dreiköpfige Jury: Claus Richter (ehemaliger HFF-Prof. Fernsehjournalismus), Nicole Leykauf (Produzentin) und Carl Gierstorfer (Journalist) / Mit dem Open Eyes – Claus Richter Förderpreis möchte der Preisstifter in dankbarer Erinnerung an seine Zeit als Professor an der HFF München junge Talente fördern und unterstützen / Die Preise sind jeweils mit 2.500 € dotiert
München, Juli 2026 – Zum vierten Mal wurde gestern der Open Eyes – Claus Richter Förderpreis an Studierende der HFF München verliehen: Für die besten Konzepte ging er an Raaed Al Kour und Miriam Goeze. Die Preise sind mit jeweils 2.500 € dotiert. Gestiftet wird der Preis von Prof. Claus Richter, der über acht Jahre an der HFF München den Lehrstuhl Fernsehjournalismus geleitet hat. Über die Vergabe des diesjährigen Preises entschied Claus Richter gemeinsam mit Produzentin Nicole Leykauf und Journalist Carl Gierstorfer. Die Verleihung fand im Kino der HFF München statt.
Open Eyes – Claus Richter Förderpreis für das Konzept Darb von Raaed Al Kour
Laudatio: Es gibt eine Szene, Fragmente aus einer Reportage für die Nachrichten des britischen Senders Channel 4, die ich einfach nicht vergessen kann: wenige Wochen nach dem Sturz der Assad-Diktatur im Dezember 2024 macht sich ein Reporter auf den Weg nach al-Qutayfah, einem kleinen Ort nördlich von Damaskus. Es gibt Gerüchte über ein Massengrab, also trifft der Reporter den Bürgermeister. Die beiden gehen zum örtlichen Friedhof, der Bürgermeister erzählt, dass hier die ersten Toten aus den Gefängnissen begraben wurden. Damals, nachdem die Proteste begannen, 2011. Immer mehr Bewohner von al-Qutayfah kommen hinzu; sie sprechen zögerlich. Sie sagen, dass jeder wusste, was hier geschah. Aber darüber reden? Niemals! Man würde sofort verhaftet werden. Verschwinden. Zum Schweigen gebracht werden. Darüber sprechen!? Wie die Kühllaster kamen, aus Saydnaya und al-Khatib 251. Aus den Foltergefängnissen des Militärs, der Luftwaffe, der Staatssicherheit, der politischen Sicherheit. Diesem Gulag mit Namen und Nummern, die jeder Syrer kennt, wie der Schüler sein Alphabet. Der Bürgermeister erzählt, wie sie im Ort mithelfen mussten, die Gräber auszuheben. Wie der Friedhof bald zu klein wurde. Schweigend gehen sie zu einem Feld am Rande des Ortes. Ein mehrere Fußballfelder großes Feld. Abgezäunt. Grobe, kaum bewachsene Erde. Ein Mann erzählt, wie sie mit Baggern Gruben aushoben, wie die Leichen in Schichten begraben wurden. Meist junge Körper. Ausgemergelt. Übersät von Hämatomen und Brandwunden. Man spürt, wie es den Bewohnern von al-Qutayfah schwerfällt, über all das zu sprechen. Dass hier 100.000 Tote begraben liegen, am Rande ihres Ortes. Wie soll man dafür Worte finden? Wie soll man diese Geschichte – dieses dunkle, schwarze Loch im Herzen Syriens – erzählen? Raaed Al Kour macht es in seinem Exposé „Darb". Er beginnt nicht im Großen – bei den 100.000, 200.000 oder noch mehr Verschwundenen in Syrien, die namenlos in Massengräbern liegen. Er beginnt mit einer Szene im Bus. Der Ich-Erzähler, ein Student, sieht die schwer bewaffneten Sicherheitsbeamten an einem Checkpoint in den Bus steigen. Sie mustern Reihe um Reihe, sie wissen, nach wem sie suchen. Er weiß, er ist verloren. Er weiß, was passieren wird. Verhaftung. Verhöre. Folter. Sie kommen immer näher… gehen an ihm vorbei und zerren seinen Freund Youssef aus dem Bus. Youssef.
Mit Youssef will Raaed Al Kour der Sprachlosigkeit Worte geben. Youssefs Geschichte ist die Geschichte von Hundertausenden Verschwundenen; jenen, die namenlos in den Massengräbern liegen. Der Student, der gegen das Regime protestierte. Der Vater, der in den Akten sucht. In welchem der unzähligen Gefängnisse ist sein Sohn gelandet? Was ist dort geschehen? Gibt es überlebende Insassen, die mit ihm sprachen, von seinen Gedanken erzählen können? Wo könnte Youssef begraben sein? Wie will Syrien das überhaupt meistern – die Massengräber finden, auszuheben? Die abertausende Toten zu exhumieren, zu identifizieren? Eine Aufgabe, die Generationen beschäftigen wird. Bittere, quälende Fragen, die doch so dringend Antworten brauchen in dem neuen, fragilen Syrien, dessen Zukunft keiner so genau kennt. Darb stellt sich diesem großen, wichtigen Thema mit der richtigen Haltung. Raaed Al Kour hat eine persönliche Geschichte - Youssef war sein Freund, er selbst musste fliehen. Al Kour weiß, dass das Thema zu groß – zu überwältigend ist – als dass er es allumfassend erzählen könnte. Deshalb beginnt er im Kleinen und verspricht ein Tableau aus Emotionen, Fragen und Antworten, die das Unfassbare fassbar machen sollen. Darb, so Al Kour, ist kein gewöhnlicher Dokumentarfilm, sondern ein sensibler investigativer Rechercheprozess.
Die Jury möchte diesen Prozess unterstützen und zeichnet Darb deshalb mit dem Open Eyes – Claus Richter Förderpreis aus.
Herzlichen Glückwunsch!
Open Eyes – Claus Richter Förderpreis für das Konzept Sommer in Demmin von Miriam Goeze
Laudatio: „Fuck AfD“ so denken viele von uns hier. Aber so einfach ist es nicht immer. Was macht man / sie wenn der Vater, die Nachbarin oder vielleicht sogar der Partner diese Partei gut finden? Miriam Goeze nimmt uns mit für einen Sommer nach Mecklenburg-Vorpommern, wo sie aufgewachsen ist. Sie erzählt uns eine – wie man das lesen kann – autofiktionale Geschichte im Sommer 2005. In diesem Sommer wollen die Rechten ein großes Sonnwendfeuer ausrichten. In der Stadt regt sich Widerstand – angeführt von Mayas Mutter, der Pastorin der Stadt. Gleichzeitig beginnt Maya sich in einen ihrer Klassenkameraden zu verlieben. Er steht der rechten Szene nahe und ist voll in die Vorbereitungen der Sonnwendfeier eingebunden. Hin und her gerissen, zwischen Abgrenzung zu ihrer eigenen Familie und der Anziehung des Jungen, erlebt sie ein Wechselbad der Gefühle. Ihrer Haltung ist sie sich bewusst, sie kämpft gegen die Rechten. Aber wie soll sie das vereinbaren, mit dem doch sehr rechten Weltbild ihrer Sommerliebe?
Der Film ist in ein sehr authentisches Umfeld eingebettet: so heißt die Schülerband Feine Sahne Fischfilet, außerdem werden echte Aufnahmen der Gegendemos in Demmin vom 8. Mai eingeblendet. Miriam Goeze will sich bei ihrem Abschlussfilm mit dem Rechtsruck in Ostdeutschland auseinandersetzen und zwar aus weiblicher und ostdeutscher Perspektive. In „Sommer in Demmin“ will sie uns ein differenziertes und zu wenig erzähltes Tableau vermitteln.
Sie schreibt: Im Zentrum stehen Jugendliche, die in Ostdeutschland aufwachsen und in der öffentlichen Wahrnehmung allzu oft auf Schlagworte reduziert oder medial stigmatisiert werden. Der Film gibt ihnen Raum, ihre unterschiedlichen Erfahrungen und Sichtweisen selbst zu erzählen. Er zeigt ihr Aufwachsen, ihre Zerrissenheit und die historische Last, die sie seit Jahren mittragen. Gleichzeitig offenbart die Geschichte, wie viel Qualität, Freigeist, Solidarität, Kollektivgeist und rebellisches Potenzial in dieser Jugend steckt.
Wir finden dieses Filmvorhaben vielstimmig und vielversprechend. Viel Erfolg bei der weiteren Entwicklung!
*Aufgrund einer für die Hochschule bindenden Vorgabe durch die allgemeine Geschäftsordnung für den Freistaat Bayern vom 01.04.2024 dürfen sämtliche Personen- und Funktionsbezeichnungen ausschließlich in der weiblichen und/oder männlichen Form aufgeführt werden. Mehrgeschlechtliche Schreibweisen sind unzulässig. Selbstverständlich sind Personen aller geschlechtlicher Identitäten ausdrücklich mit angesprochen.